6. Oh, mein geliebtes Indianerland.

Seit Tagen verfolge ich die schleppende Auszählung der Stimmen in vier noch nicht zu Ende ausgezählten Staaten der USA. Zwei Staaten (Arizona und New Mexico), um deren Ergebnis ich besonders gebangt habe und jetzt im Falle von Arizona immer noch fiebere, empfinde ich als meine spirituelle Heimat. In früheren Jahren habe ich bestimmte Staaten der USA jedes Jahr besucht. Aber in den letzten Jahren hat mich nichts mehr nach USA gezogen, nicht einmal nach New York oder Arizona. Ich hoffe, dass sich das Blatt wenden wird und Donald Trump die Wahl verliert. Wie ich heute im TV in einer Reportage die Aussage hörte: „Für mich hängt mein Leben vom Ausgang dieser Wahl ab. Ich bin schwarz, Künstler, arm und schwul. Mit Trump kann ich nicht mehr in diesem Land leben.“ Ja, das wird sicher so sein. Als ich 28 war und ich zusammen mit Freundinnen als Tramperinnen durch die Staaten zogen, sind wir durch Zufall auf eine Gruppe Faschisten getroffen, die uns gefeiert haben, weil wir „deutsche Mädels“ waren. Sie nahmen an, dass alle Deutschen immer noch Faschisten seien. Das war damals ein Schock für mich, den ich bis heute nicht vergessen habe. Mit dem Hitlergruß versuchten sie, uns zu versichern „We make Germany great again“. Das ist auch immer noch der Schlachtruf von Trump und seinen Anhängern für die USA und es macht mir Angst.

Dabei möchte ich Euch eine richtig schöne Geschichte erzählen, die sich für mich vor vielen Jahren – ich muss so um die 40 gewesen sein – in meinem „Indianerland“ ereignet hatte und die wahrhaft außergewöhnlich war. Meine Freundin E. und ich flogen nach USA, um einen Round Trip in einem Leihwagen im mittleren Westen durch Arizona und New Mexico zu machen. Wir waren und sind der Lebensart der Native Indians eng verbunden und wollten einfach so nah wie möglich mitten unter ihnen sein. Wir wollten Pow Wow’s besuchen, deren Kunst und Musik erfahren, wollten uns in deren Area aufhalten, ihre Rituale nachvollziehen – uns ganz einfach in „ihrem“ Land aufhalten. Dabei wollten wir so wenig wie möglich wie Touristinnen erscheinen, was durch den Leihwagen, mit dem wir unterwegs waren, besser möglich war als per Bus. Ich hatte mir zusätzlich die Reise-Aufgabe gestellt, mit meinem zweiten Buch „Die Kraft der Farben“ zu beginnen, so viel wie möglich daran zu schreiben und immer wieder mit meiner Freundin – wie schon beim ersten Buch („Das Arbeitsbuch …“) – darüber diskutieren.

Unser Flieger landete in Phoenix/Arizona und das Auto, das uns erwartete, war ein mittelgroßer weißer Hyundai, was für Amerikaner eher ein Kleinwagen war. Für uns war er ideal und war mit seiner Stereoanlage ein Gefährt, mit welchem wir eine enge Beziehung eingehen konnten. Unser Round Trip war nicht zu 100 % festgelegt, wir hatten aber die Orte vorgesehen: Flagstaff, Sedona und Santa Fé. Alle drei Orte hatte ich zuvor schon einmal allein aufgesucht, was ziemlich abenteuerlich und teilweise auch recht gefährlich war. Aber zu zweit fühlten wir uns stark, angstfrei und voller Tatendrang. Unsere erste Station nach Phoenix/Arizona sollte Flagstaff sein und dort beginnt meine Geschichte.

Wir parkten das Auto irgendwo in der Stadt und standen direkt vor einem indianischen Museum für Malerei. Perfekt – ein famoser Start. Ich fühlte mich wie getrieben, in das Museum zu kommen. Gleich nach dem Eintritt war ich paralysiert von einem riesengroßen Gemälde von JD Challenger, das einen Indianer abbildete, der mich einfach nur ganz ruhig ansah. In diesem Blick, in diesem Menschen war etwas, was mich tief berührte. Sofort wollte ich das Bild kaufen, ohne über die finanziellen Mittel zu verfügen und informierte mich über seinen Preis. 10.000 US Dollar waren über alle Maßen zu viel für mich, erst recht für ein Gemälde. Trotzdem erkundigte ich mich eingehend über die Möglichkeiten, das Bild nach Deutschland zu schiffen. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass ich, wenn ich dieses Bild besäße, nichts mehr sonst brauchte. Das Gefühl war total ultimativ und erfüllend. Da es aber der erste Stopp auf unserer Reise war und wir auf dem Weg zurück wieder hier vorbeikommen konnten, habe ich einen möglichen Kauf – von welchem Geld auch immer –  erst einmal verschoben.

Auf der weiteren Reise haben wir mehr als das, was wir uns erträumt hatten, erfahren dürfen aber trotz allen Wundern hat mich dieser realistisch gemalte Indianer nicht losgelassen und wie eine reale Begegnung begleitet. Meine Freundin hat mir viel Zeit gelassen, an meinem neuen Buch zu schreiben, was mich mehr und mehr erfüllt hat. Wir haben immer wieder beeindruckende Menschen getroffen, das herrliche Sedona mit seinen roten Bergen durch einen indianischen Bergführer erfahren dürfen und wunderbare indianische Musik ununterbrochen in unserem kleinen schönen Auto in uns aufgenommen. Besonders hatte es uns ein Interpret auf der Flöte angetan: Carlos Nakai. Phantastisch waren die Gemälde auf den Covern seiner Musik-Kasetten – fast alle vom gleichen Native Indian gemalt: Dan Lomahaftewa. Überhaupt, wir haben auf unserer Reise viel indianische Kunst kennengelernt. Irgendwann stand die letzte Woche unseres Trips an. Als letzten Ort hatten wir uns in Santa Fé niedergelassen, bevor es zurückgehen sollte.

Es war um die Mittagszeit und wir fanden eine gemütliche Bar, in der man sowohl Speisen als auch ein Glas Wein zum Essen bekommen konnte. Das war zu dieser Zeit nicht leicht zu finden. Entweder es gab Bars mit reichlich Alkohol und nichts zu Essen oder Speise-Restaurants und dort erst abends nach dem Dinner ein alkoholisches Getränk. Wie von Engels Hand fanden wir diese kleine nette Bar und nahmen an der Theke Platz. Ich saß mit dem Rücken zur Eingangstür und konnte deshalb nicht sehen, wer herein kam. Ich sah nur an der Reaktion meiner Freundin, dass es so etwas wie ein Geist sein musste. Er setzte sich an die Theke direkt neben mich. Meine Freundin war noch immer, wie erstarrt und wurde kreidebleich. Als er mich ansprach mit der Frage, ob wir Deutsche seien (er hat es wohl durch unsere Unterhaltung mitbekommen), habe ich mich langsam zu ihm gewandt, um ihm freundlicherweise zu antworten. Die Folge war, dass ich fast vom Stuhl gefallen wäre und augenblicklich schweißgebadet war.

Es ist mir nicht möglich, auch nur annähernd zu beschreiben, wie dieser Moment für mich war. Der Mensch, der neben mir saß, war tatsächlich der Indianer von dem Bild, das ich im Museum in Phoenix entdeckte und das mir so viel bedeutete. Ich habe ihn sofort darauf angesprochen, dass wir ein Gemälde fanden mit einem Mann, der exakt so aussah, wie er. Ja, und tatsächlich erzählte er, dass er manchmal Modell stand für diesen Maler. Beide hatten ihr Atelier in dem gleichen Gebäudekomplex wie die Bar, in der wir gerade saßen. Er sei ebenfalls Maler, sein Name Stan Natchez und er hätte gerade eine Ausstellung in Frankfurt/Main gehabt. Deshalb habe er mich wegen der deutschen Sprache angesprochen. Dann erzählte er uns, dass er bereits auf dem Highway nach Phoenix war, als ihm seine Grandma auf dem Rücksitz erschien und ihm sagte, er solle sofort zurückfahren. Wenn so etwas passierte, musste er dem Folge leisten und deshalb war er jetzt hier, wollte nur kurz etwas essen und dann in sein Atelier gehen. Also war auch für ihn so etwas wie ein Wunder geschehen, nicht nur für mich.

Aber die Kette an Wundern war damit noch nicht zu Ende. Nach einigen gemeinsamen Stunden in der Bar, entschied er, spontan eine Party zu geben und uns seine Freunde vorzustellen. Ob wir Lust hätten, daran teilzunehmen? Natürlich hatten wir Lust. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass er bis dato der schönste Mann war, den ich so nah erleben durfte. Er hatte schwarzes langes Haar, war komplett schwarz gekleidet und trug eine Weste, die auf der Vorderseite mit kleinen türkisen Perlen benäht war, die er, wie er uns stolz mitteilte, selbst aufgenäht hatte. Und dann noch, dass sein Vater ihn immer kritisierte, weil er so viel Schwarz trug. Sein Vater sei Allen C. Ross, ein in USA bekannter Philosoph und Psychologe, der sich intensiv mit Chakren und Farben (!) beschäftigte. Er hatte gerade ein neues Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Wakan Tanka – Im Herzen sind wir alle eins“. So viele „Zufälle“ kann es doch eigentlich nicht geben. Doch. Und zu allem Überfluß sollte mindestens einer noch hinzukommen: Als einer der ersten Besucher der Party bei Stan trat ein Riese in den Raum, der uns als der Maler Dan Lomahaftewa vorgestellt wurde. Er war eben dieser Maler, dessen Kunstwerke die Hüllen der Carlos Nakai-Tapes und -CD’s coverten.

Drei Tage später saßen wir im Flieger nach Frankfurt. Ich bin nicht dort geblieben an dem Ort, wo meine Engel und die von Stan so viel unternommen hatten, um uns zusammen zu bringen. Waren all diese Wunder wirklich für uns beide bestimmt oder allein für ihn? Hat seine Grandma ihn vielleicht nur vor einer Highway-Tragödie bewahrt? Ich habe auf ein starkes JA für uns beide – über alle Zeichen hinweg – gewartet. Er dagegen war eher nur verwundert über all die Signs, die uns umgaben. Und obwohl er sich – wie auch ich mich – in unserem Leben von Signs leiten ließen, folgte er ihnen für mein Dafürhalten nicht in dem von mir erwünschten Maße. Ein paar Jahre später kreuzten sich unsere Wege noch einmal. Nicht persönlich aber seine Kunstwerke liefen mir bei einem Städtetrip in einem Restaurant in London über den Weg. Dort hatte er wenige Tage zuvor seine Ausstellung eröffnet.

Vielleicht hat sich jetzt, wo ich darüber schreibe, der uns verbindende silberne Faden endgültig aufgelöst oder wir werden ein weiteres Mal zusammengeführt. If it is so – what will we do?

 

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