4. Früher nannte man es „Stoppeln“.

Nach der Kartoffelernte blieben immer noch reichlich, meist kleine, Kartoffel auf dem Acker liegen. Das war die Beute meiner Mutter, ihrer Nachbarin, deren Kinder und von mir. Es war in den 50er-Jahren – für uns immer noch in der Nachkriegszeit – als unsere Herbsttage von diesen „Feldbereinigungen“ ausgefüllt waren. Jeden Morgen ganz früh und teilweise auch nachts  fuhren wir mit den Fahrrädern raus auf’s Feld. Daran erinnerte ich mich heute wieder, als ich die kleinen Kartoffeln auflas, die gestern von der riesigen Erntemaschine nicht erfasst wurden. Es war schon komisch, als immer wieder Hundespaziergänger*innen verwundert nachfragten, was wir da eigentlich machen. „Wir sammeln die kleinen Kartoffeln auf, weil die die besten sind“. Wahrscheinlich dachten sie, dass man die doch in jedem Laden auch kaufen könnte“. Ja, kann man und arm genug sind wir auch nicht, dass wir die aufsammeln müssten.

Damals in den 50ern
So arm waren wir aber schon einmal – damals in den 50ern. Meine Mutter war mit ihrer ganzen Familie aus Litauen geflüchtet. Sie hatte nichts mitnehmen können außer einer kleinen Kiste mit Fotos, einer selbst umstickten Tischdecke und den Kleidern, die sie am Körper trug. Mit dem letzten Zug hatte sie es geschafft, aus Litauen raus zu kommen. Das nur, weil sie bei der Bahn angestellt und deshalb irgendwie für den Transport der letzten Flüchtlinge zuständig war. Danach kamen die Russen und all ihre Freundinnen wurden vergewaltigt, die Männer getötet. Sie hat von grauenhaften Szenen erzählt. Meine ganze Kindheit war mit Horrorstorys von ihrer Flucht und der Kriegszeit angefüllt. Meine Mutter hat es überlebt und dank ihr ihre gesamte Familie.

Aber diese Fluchtszenen trage ich in mir, wie ein Tatoo und sie werden jedes Mal wieder deutlich sichtbar, wenn ich Flüchtlinge und deren Schicksale in Fernseh-Sendungen sehe. Ich glaube, dass sich Menschen, die behütet in ihrem Zuhause aufgewachsen sind, überhaupt nicht vorstellen können, wie es ist, aus der Heimat flüchten zu müssen, um sein Leben zu retten. Dann in einem Land anzukommen, in dem man keine Würde hat, dessen Sprache man nicht beherrscht, wo man betteln muss, um zu überleben und einem fast ausschließlich Feindseligkeit widerfährt, ist alles andere als beschaulich. Meine Mutter musste es mit wochenlangem Aufenthalt in einer Nervenklinik bezahlen, weil sie Lähmungen in beiden Beinen davon getragen hat. Über meine Mutter und ihre Tragik später mehr.

Briefe an unbekannte Soldaten
Was blieb, war die Bekanntschaft mit Hunger, Verfolgung, Angst. Dazu kam die unentwegte Angst vor dem Mann, den sie geheiratet hat, meinem Vater. Er war cholerisch, gewalttätig, brutal laut, Alkoholiker und andererseits herzzerreißend lieb zu seiner kleinen Tochter. An jedem Freitag – dem Lohntag – überraschte er mich mit einer Tafel Schokolade mit Haselnüssen. Diesen deutschen Mann hat meine litauische Mutter kennen gelernt, weil es im „deutschen Reich“ während des Krieges die Aktion gab, dass Frauen, die etwas deutsch sprachen, Soldaten an der Front schreiben konnten, um ihnen Mut zu machen. Man nannte es „Briefe an unbekannte Soldaten“. Wenn der Soldat es wünschte, hat er seine Identität preisgegeben. Und so geschah es, dass die litauische Landfrau Meta den mitteldeutschen Hermann kennenlernte. Er war die Anlaufstelle nach ihrer Flucht und wurde dann auch ihr Ehemann und mein Vater.

In jedem Fall weiß ich nicht, wie wir überlebt hätten, wenn wir nicht unsere Keller mit den gestoppelten Gemüsen gefüllt hätten. Es wurde alles eingekocht: Gurken, Paprika, Weißkohl, Bohnen, Erbsen, Birnen, Kirschen, Pflaumen – Kartoffel und Äpfel wurden in Gänze kühl gelagert. Das Holz, was uns den Winter über als Brandmaterial diente, war von den Baustellen, wo mein Vater gearbeitet hat. Gekocht haben wir anfangs in Konservendosen, später sogar in Töpfen. Fleisch gab, wenn überhaupt, als Gulasch nur sonntags. Manchmal gab es Fisch, der auf Kartoffeln gekocht wurde oder tatsächlich auch mal Hühnchen. Käse und Nudeln kannte ich in meiner Kindheit nicht, auch keinen Schinken, dafür jede Menge selbst eingekochte Marmeladen auf Butterbrot.

Da ich ja eigentlich den Krieg nicht miterlebt habe, sondern nur seine Nachwirkungen, gab es ja eigentlich nichts zu meckern. Im Grunde bin ich im beginnenden „Wirtschaftswunder“ aufgewachsen. Davon haben aber nur diejenigen etwas gemerkt, die nicht aus einem anderen Land vertrieben wurden. Direkt nach dem Krieg konnten die Deutschen mit dem, was sie retten konnten, neu anfangen. Oft waren sie Eigentümer eines Hauses, wenn dies auch von Bomben beschädigt war. Aber dann hatten sie wenigstens den Bauplatz.

Die vier Jahre vom Ende des Krieges bis zu meiner Geburt im Jahr 1949 herrschte die blanke Not. Als ich dann auf der Welt war, ging es arm aber mit voranschreitendem Gefühl der Besserung weiter.  Die Freude, die wir beim „Stoppeln“ und „Hamstern“ empfanden, wenn wir mit vollen Säcken auf dem Fahrrad Zuhause ankamen, ist die gleiche wie heute. Damals haben wir uns durchgekämpft und hatten viel Spaß dabei – zumindest wir Kinder. Das hat sich in meinen Zellen abgespeichert und macht mir Mut, alles zu schaffen, auch wenn es erst mal unüberwindbar scheint. There is always a light – es gibt immer einen Weg. Und heute gab’s kleine Kartoffeln auf dem Speiseplan.

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